Ich bin von einem Geschäftsfreund zum Neuburger Schlossfest eingeladen worden und hatte auf der Rückreise ein bisschen Zeit, um die Heilig-Kreuz-Kirche in Bergen zu besichtigen. Üppige Rokoko-Inszenierung auf alter romanischer Krypta-Basis, ausgestattet mit einer wertvollen Kreuz-Reliquie machen den Ort seit Jahrhunderten zur Wallfahrtsstätte mit wechselndem Geschick.

Die friedliche Ruhe in dem kleinen Ort inmitten schönster Natur tut der Seele gut. Prächtiges Barock erfreut die Sinne. Und dann fällt mit die Geschichte ein, die mich beim Gang durch die Kirche besonders fasziniert hat. In dem Kirchen-Führer, der sachkundig und übersichtlich gestaltet ist, wird die Legende der Herkunft des Bergener Kreuzsplitters beleuchtet.

Zwei Tafelbilder auf der Orgelempore zeigen ein Paar. Der Inschrift zufolge zeigen diese das Geschwisterpaar Judith Gisela und Rasso, die von einer gemeinsamen Palästinareise Kreuzsplitter für die Kirchenstiftungen in Bergen und Niedermünster mitgebracht haben.

Tausende haben diese Geschichte nach ihrer Wallfahrt mit in ihre Heimat genommen, weiter erzählt und die Legende hat sich über die Jahrhunderte manifestiert. Großformatige Portraits von prächtig gekleideten Persönlichkeiten, kleine Stifterkirchen in den Händen haltend, goldene Inschriften auf schwarzem Grund…alles klar und nachvollziehbar, oder?

Aber die historisch fundierten Quellen berichten von der Wahrheit hinter der schönen Geschichte: Judith und Gisela waren zwei verschiedene Personen, Rasso war nicht der Bruder und eine Palästinareise hat es nicht gegeben.

Kein neues Phänomen, dieses Verdrehen der Tatsachen. Legenden heißen heute Fake News und die werden nicht mehr weitererzählt sondern viral verbreitet. Oft sind sie genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwunden wie sie gekommen sind, die unromantische Wahrheit gnadenlos aufgedeckt. So viele Vorteile die heutige Schnelligkeit auch hat…Manchmal ist es doch schön, sich von jahrhundertalten Geschichten faszinieren zu lassen…oder etwa nicht?

Ihre

Susanne Neuhaus

bb