Nach der Key-Note, bei der ein smarter amerikanischer Erfolgsautor die Disruption der gesamten Wirtschaft und der IT-Branche im Besonderen beschworen hat, kommen drei Männer auf die Bühne. Sie diskutieren lässig an Stehtischen die aktuelle technische Entwicklung. Doch ich muss zugeben, dass meine Aufmerksamkeit in diesem Moment eher dem Dresscode als der Zukunft der IT gilt. Einer der Diskussionsteilnehmer trägt einen korrekten grauen Anzug , schöne Leder-Budapester, dazu ein weißes Hemd und eine dezent gemusterte rote Krawatte. Der Andere,  der ein paar Jahre älter ist, trägt braune Leder Slipper, dazu eine Jeans und ein blaues Jacket, darunter ein Hemd ohne Krawatte. Auch der Moderator trägt Jacket, Jeans und Hemd ohne Krawatte, kombiniert mit  modischen roten Turnschuhen. Auf mich wirkt der Sprecher im Anzug am lässigsten. Er wirkt authentisch und sympathisch, ist sicher im Thema und gewohnt vor großem Publikum zu reden. 

Am Abend nach vielen spannenden Vorträgen und Gesprächen trifft man sich zum „Get-Together“. Wir haben in netter Runde eine Sitzgruppe belegt und ich werfe die Frage in den Raum „Was war denn das Wort des Tages für Sie?“. Ohne Zögern sagt einer der Anwesenden: „Krawattenlosigkeit“. Innerlich bin ich erleichtert, dass ich nicht die einzige bin, die auf sowas achtet. Dann erfahre ich, dass der Veranstalter für das eigene Personal noch am Vortag den Dresscode „ohne Krawatte“ ausgegeben hat. Okay…das habe ich für unsere Berater (hier kann ich ohne schlechtes Gewissen die weibliche Form weglassen, weil unsere Beraterinnen nie Krawatte tragen) zu Beginn des Jahres auch freigestellt. Aber trotzdem tragen die meisten Kollegen weiterhin Krawatte. Finde ich auch gut so. Klar im Sommer, kann das in hitzigen Projektsitzungen schon mal unbequem sein, aber selbst dann kann man auch mit Krawatte gelassen bleiben.

Nur weil DAX-Unternehmenschefs plötzlich die Krawatte ablegen (siehe folgender Artikel) wird ein Unternehmen nicht sofort erfolgreich oder modern. Und auch Redner und Berater, die Ihre Krawatte anlassen und keine Turnschuhe tragen, können verdammt cool sein. Ist „Krawattenlosigkeit“ nun modisches Statement, ausgedrückte Sehnsucht nach neuen Umgangsformen in Unternehmen oder Innovationssignal? Keine Ahnung, aber ich mag den Trend. Nicht weil das gut aussieht, sondern weil die fehlende Krawatte im Umgang mit Business-Partnern mehr Menschenkenntnis, Zuhören statt Hingucken und Loslassen von Klischees erfordert. Ein graues T-Shirt macht noch keinen Mark Zuckerberg, die fehlende Krawatte garantiert keinen Wahlerfolg und die Turnschuhe bringen nicht automatisch mehr Bodenhaftung.

Ein Kollege guckt mir über die Schulter während ich das schreibe und sagt „Habt ihr Frauen das gut…“. Dazu kann man unterschiedlicher Meinung sein, aber er hat zumindest in diesem Punkt recht: Wir Frauen haben das mit der Krawattenlosigkeit schon verdammt lange erfolgreich umgesetzt :-).

Ihre

Susanne Neuhaus

bb